Die vollkommene Rede

Was lösen unsere Worte in anderen Menschen und in uns selbst aus? Wie können unsere Worte beflügeln und wie können sie zerstören?

Bevor du anfängst zu lesen, schließe bitte die Augen und halte für fünf tiefe Atemzüge inne. Konzentriere dich nur auf das Ein- und Ausgehen deines Atems an der Nasenspitze. Versuche messerscharf mit deiner Aufmerksamkeit zu sein wie ein Laser.

Mit verschärfter Aufmerksamkeit und Konzentration frage dich nun die folgenden Fragen und reflektiere etwas darüber:

Wann hast du das letzte Mal etwas gesagt, was dein Verstand sehr plausibel fand, wohingegen sich dein Bauchgefühl aber gewehrt hat?

Wie oft sagst du Dinge nur, um anderen zu gefallen oder ihnen nicht auf die Füße zu treten?

Wie aufrichtig bist du zu dir und der Außenwelt?

Entsprechen deine Worte im Alltag dem, was du wirklich empfindest?

Und letztlich dann die Frage: Was bringt dich genau dazu, diese sprachlichen Mauern um dich herumzubauen, wenn du welche hast?

Kommunikation mit Milliarden

Auf der Erde organisieren sich die Menschen mittlerweile zu Milliarden. Wir sind über verschiedenste Kanäle miteinander verbunden und können in wenigen Millisekunden mit dem anderen Ende der Welt kommunizieren. Auf dem Papier stimmt das ja alles, nur wie nah stehen wir einander wirklich? Welche Kosten mussten wir auf diesem Weg in Kauf nehmen? Wie „echt“ ist unsere Kommunikation?

In dem dritten Teil des edlen achtfachen Pfades soll es um die vollkommene Rede gehen. Sie lässt sich mit dem vollkommenen Handeln und dem vollkommenen Lebensunterhalt in die Sittlichkeits-Gruppe einordnen. Diese dreht sich rund um Tugenden und Lebensregeln, welche Befreiung in unser Leben bringen und uns heilen.

Ich glaube wir kennen alle Situationen, in denen wir nicht das zum Ausdruck bringen, was wir wirklich meinen:

Sei es auf der Arbeit, um den/die Vorgesetzte/n zu besänftigen.

Sei es in der Familie, um Konfrontationen zu vermeiden.

Sei es unter Freunden, um sie vermeintlich nicht verletzen zu müssen.

Wenn wir in solchen Situationen sehr achtsam sind, spüren wir vielleicht die innere Spannung, die sich dann in uns aufbaut. Wir fühlen eine Enge im Brustbereich, oder aber unangenehme Gefühle machen sich bemerkbar.

Die Maskenfabrik

Jedes Mal, wenn wir nicht aufrichtig zu uns selbst und unseren Mitmenschen sind, erschaffen wir eine falsches Selbstbild von uns. Wir kreieren ein Bild von uns mit unserer Sprache, wie wir sind und wie wir nicht sind. Für Situation X steht dann Maske X bereit und für Situation Y Maske Y. In Wahrheit entfernen wir uns dadurch aber von unserem wahren Selbst und können nie wirklich Kontakt zu Menschen aufbauen. Unterhaltungen können nicht tiefgreifend und bedeutungsvoll sein, wenn man nur oberflächlich sein „ausgedachtes“ Selbstbild miteinander vergleicht.

Stellen wir uns zwei Personen vor, die sich nur mit ihren Masken unterhalten. Alle Worte in ihrer Unterhaltung drehen sich Rund um ihre Scheinidentität. Person 1 ist vielleicht überzeugt davon, ein guter Mensch zu sein. Deswegen versucht Person 1 in der Unterhaltung Person 2 immer in dem Glauben zu lassen, dass sie ein guter Mensch sei. Person 2 hingegen möchte selbst als erfolgreich angesehen werden. Sie brüstet sich mit ihren Errungenschaften und erzählt dauernd davon. Beide basteln sich so also einen maßgeschneiderten Anzug für sich selbst und ihren gegenüber. Ihre Worte werden genau so gewählt, wie ihre Rolle, ihr Anzug, es nun von ihnen verlangt.

Und zack: Person 1 trägt nun die Maske eines guten Menschen und Person 2 die Maske eines erfolgreichen Menschen.

Sobald wir anfangen zu glauben etwas zu sein, haben wir schon eine Maske erschaffen.

Die Brillengläser der Verblendung

Stelle es dir wie eine Brille vor deinen Augen vor, auf wessen Linse dann zum Beispiel „gut“ bei einer Person steht oder „erfolgreich“ bei einer anderen Person. Du konzentrierst dich im Umgang mit anderen dann eher auf diese Attribute, anstatt die Person zu sehen, wie sie ist.

Unser wahres Selbst kann so aber nicht zum Vorschein kommen, denn wir trüben es durch unsere falsche Rede. Wir benutzen unsere Worte dann, um unsere Scheinidentität zu wahren. Damit wir Anerkennung erfahren, geliebt werden oder einfach nur gemocht. Während wir diese Worte sagen, haben wir also stets unsere tieferen Beweggründe im Geist. Wir wollen verteidigen, wer wir glauben zu sein.

Jeder von uns hat diese Scheinidentität, die er sich in seinem Inneren erschaffen hat.

Warum glaubst du, jemand zu sein? Was erhoffst du dir davon?

Unsere Rede kann uns gleichermaßen in Ketten legen wie auch befreien. Nutzen wir sie weise, entwickeln wir die Fähigkeit, Menschen mit unseren Worten wirklich zu berühren. Wir eröffnen anderen damit die Möglichkeit, uns wirklich zu verstehen.

Zudem können wir erst zu richtigen Zuhörern werden, wenn wir aufhören zu glauben, wie die andere Person ist. Häufig glauben Menschen schon zu wissen, was die andere Person sagen möchte. Sie wird dann unterbrochen und die Scheinidentität wird wieder herausgekramt. Die wirklichen Belange der Person werden für uns dann aber unhörbar, da wir nicht auf die Bedürfnisse der Person im Moment hören. Viel eher holen wir Erfahrungen der Vergangenheit hervor und pressen sie in die Situation hinein.

Mit Worten können wir Menschen schwer verletzen und ihnen großen Schaden zufügen. Auf der anderen Seite können wir mit unseren Worten aber auch Liebe zum Ausdruck bringen, Menschen inspirieren und sie heilen.

Wir sind nicht perfekt

Die vollkommene Rede nimmt an, dass wir nicht perfekt sind und Fehler machen. Wir sagen leichtfertig Dinge, die wir später bereuen. Wir lügen Menschen an. Wir übertreiben. Wir schreien Menschen an oder beleidigen sie.

Aber genau durch diese Arten des Umgangs miteinander merken wir, was vollkommene Rede eigentlich ist. Was wir tun müssen, um liebevoll miteinander umzugehen.

Versuche in Zukunft im sozialen Austausch ganz bei dir zu sein, in diesem Moment. Lausche auf die Reaktion deines Körpers, während du sprichst. Wie fühlst du dich damit?

Beflügeln deine Worte dich oder engen sie dich ein?

Achtsamkeit

Um sensibel für diese innerlichen Regungen zu werden, bedarf es wie immer in der spirituellen Praxis einer gefestigten Achtsamkeit. Nur wenn du die Dinge so siehst, wie sie sind, kannst du dich von deiner erdachten Realität lösen.

Gewöhne dir vielleicht an, bevor du zu Menschen sprichst, kurz in dich zu gehen. Atme ein paar Mal tief durch. Lasse dich komplett in die Unterhaltung fallen und sei sehr aufmerksam deinem Gegenüber. Versuche dich nicht in Gedankenkreisen zu verlieren, die nichts mit deinem Gegenüber zu tun haben.

Lerne insgesamt, wie deine Worte dich formen und dich heilen wie auch verletzen können. Mache dir klar, was deine Worte für andere Menschen bedeuten.

Letztlich bietet die vollkommene Rede für jeden von uns das Potential, Befreiung im Moment zu finden und Frieden zu verbreiten. Wir können innerliche Spannungen abbauen und unser wahres Selbst in die Welt heraustragen, anstatt der gedachten Scheinidentität.

Lasst uns in einer Welt leben, in welcher wir mit Hilfe unserer Worte die tiefen unseres Selbst und unserer Mitmenschen ergründen. Wir öffnen die Tür zu unseren Herzen und machen uns bereit, Liebe zu geben und zu empfangen.

Entdecken wir den Kern des anderen, stellen wir etwas Erstaunliches fest: Wir sind eigentlich gar nicht verschieden.

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